Die Autorin über „Säulen der Ewigkeit“ und über die historischen Persönlichkeiten, die in ihrem neuen Roman die Hauptrollen spielen
Als ich zum letzten Mal an den Ufern des Nils den Spuren der Pharaonen folgte, entschied ich mich, einen Roman über David Roberts zu schreiben. Er war der Sohn eines Schusters, der aus eigenem Antrieb Malen lernte. Er kämpfte sich vom Job eines Kulissenmalers beim Provinztheater bis zum Mitglied der englischen Kunstakademie durch. Bei meiner Recherche über seine Reise durch Ägypten, Nubien und das Heilige Land begegnete ich aber immer wieder den Personen, die später tatsächlich zu den Hauptfiguren meines neuen Romans geworden sind. Und die waren 20 Jahre vor David Roberts unterwegs.
Jeder von ihnen, Giovanni und Sarah Belzoni, Bernardino Drovetti, Henry Salt, Ludwig Burkhardt und Mehemed Ali, der Pascha von Ägypten, hätte für sich beanspruchen können, allein im Mittelpunkt eines meiner Bücher zu stehen – nachdem, was sie erlebt und getan haben. Selten bei meinen Recherchen gab es eine solche Reihe beeindruckender Persönlichkeiten zeitgleich nebeneinander:
Giovanni Belzoni und seine Frau Sarah entstammten einfachsten Verhältnissen. Er, unwillig Soldat in Napoleons Armee zu werden, verließ seine italienische Heimat und schlug sich als Rosenkranzverkäufer durch. Zwei Meter groß und bärenstark wurde er zum „Herkules“ auf den Jahrmärkten. Weil er immer an sich glaubte und eine Menge schlummernder Talente besaß, mutierte er zum Maschinenkonstrukteur in Ägypten. Giovanni wurde dort zu einem der ersten Archäologen und sicher der erfolgreichste – wenn diese Abenteurer den Begriff überhaupt schon verdient haben. Denn allzu wissenschaftlich gingen sie damals nicht an ihre Arbeit heran.
Bernardino Michele Maria Drovetti hatte Karriere in der Grand Armee gemacht. Aufgrund einer Verwundung schlug er aber eine andere Laufbahn ein: Er wurde Konsul Frankreichs in Ägypten, wo er gemeinsam mit Mehemed Ali Pascha die Engländer vertrieb und so ein Freund des Herrschers wurde. Mehemed Ali selbst hatte seine märchenhafte Karriere als Tabakverkäufer in Albanien begonnen und gründete am Nil eine Königsdynastie. Henry Salt, eigentlich Naturforscher und Maler, war Konsul in Kairo. Dort begegnete er dem britischen Agenten Johann Ludwig Burkhardt, der als zweiter Christ überhaupt in Mekka eindrang. Bei seinen Streifzügen durch die arabischen Wüsten entdeckte Burkhardt die Felsenstadt Petra (im heutigen Jordanien) und Abu Simbel (siehe „Reise zum Nil“).
Mir als Autorin war aber die Frau im Hintergrund wichtiger als die männlichen Giganten. Ich entschied mich für Sarah Belzoni, ein Mädchen aus dem Waisenhaus von Bristol. Sie wollte zwischen all diesen beeindruckenden Männern, die die altägyptische Kultur für Europa erschlossen, nicht nur Mrs. Belzoni sein. Sie war vielmehr eine eigenständige Persönlichkeit, mit eigenen Vorstellungen und starkem Willen. So waren es ihr Unternehmensgeist und ihr Fernweh, die sie und ihren Mann Giovanni ursprünglich zusammengeführt und bis nach Abu Simbel gebracht hatten.
Autorin Tanja Kinkel neben dem Kopf einer Statue von Ramses II. Von Belzoni nach London transportiert.

Belzoni, Giovanni: Entdeckungsreise in Ägypten 1815 – 1819; 1821 bei John Murray, London, erschienen.
Im Anhang ein Bericht von Sarah Belzoni über die Frauen
Ägyptens
Doch Sarah wollte noch mehr. Ihr Weg führte sie sogar ganz allein bis auf den Felsendom in Jerusalem, wo weiße Frauen damals so selten und gefährdet waren, wie heute eine Astronautin ohne Raumschiff allein auf dem Mond. Sie war so eigenständig, dass sie sich selbst von Menschen faszinieren ließ, die ihr Mann hasste, und nahm in Kauf, notfalls auch ohne männlichen Schutz die Welt zu sehen. Und das in einer Zeit, in der das gehorsame Warten auf den Ehemann selbstverständlich war ...
Sarahs innere und äußere Reise bildet damit das Herz meines Romans. Ich freue mich, wenn Sie mir 700 Seiten auf dieser Reise folgen.